Strategieexperte Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser beantwortet Ihre Fragen zu Immobilien, Wirtschaft und Politik.

Reinhard C. Meier-Walser (* 7. Mai 1957 in Steyr) ist ein deutscher Politikwissenschaftler.

Reinhard Meier-Walser ist gebürtiger Österreicher. Er wuchs in München auf, absolvierte.. weiterlesen

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Politik - Russische Bedrohung und Immobilienpreise


Andi
Beiträge: 1
 Andi
Themenstarter
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Beigetreten: Vor 3 Monaten

Sehr geehrte Damen und Herrn, aufgrund der heute stattgefunden Besetzung ostukrainischer Landesteile durch Russland stelle ich mir die Frage wie sich die Immobilienpreise in Deutschland entwickeln werden. Angesichts des großen, noch nicht abgeschlossenen Aufmarschs russischer Truppen um die Ukraine herum könnte es Auswirkung bis nach Deutschland geben. Sind Immobilien angesichts dieser Bedrohung noch eine gute Möglichkeit für Investitionen oder sollten besser andere Investitionsmöglichkeiten ins Auge gefasst werden.

Mit besten Grüßen

 

Andi

3 Antworten
Prof. Dr. Meier-Walser
Beiträge: 15
Mitglied
Beigetreten: Vor 4 Monaten

Guten Morgen und vielen Dank für Ihre Frage,
beginnen wir zur Beantwortung mit den Fakten: Durch die Anerkennung der ostukrainischen Regionen Luhansk und Donezk, die in Teilen bereits seit mehreren Jahren von prorussischen Kräften besetzt waren, als selbstständige "Volksrepubliken", sowie durch die Entsendung von Streitkräften in die Seperatistenzonen hat der russische Präsident Putin den Ukraine-Konflikt gefährlich eskaliert. Wie weit seine Pläne reichen und ob, wie Sie schreiben, der Aufmarsch russischer Truppen im westlichen Nachbarland "noch nicht abgeschlossen ist", weiß gegenwärtig nur Putin selbst. Seine im Fernsehen übertragenen historisch dimensionierten Ausführungen, in denen er das Existenzrecht der Ukraine als souveräner Staat bestreitet, lassen das Schlimmste befürchten.
Bereits die jetzige Eskalationsstufe, die eine Umsetzung des Minsker Abkommens und damit eine friedliche Lösung des russisch-ukrainischen Konfliktes im Donnbas unmöglich macht, hat massive überregionale Auswirkungen. Unmittelbare Konsequenzen zeigen sich in den von den USA und Europa verhängten Sanktionspaketen, die sich zunächst gegen einzelne russische, die völkerrechtswidrigen Maßnahmen tragenden politischen Akteure (darunter mehr als 350 Abgeordnete der russischen Staatsduma) sowie gegen russische Banken richten. In der Bundesrepublik Deutschland legte Bundeskanzler Scholz das Zertifizierungsverfahren für das russische Gaspipeline-Projekt Nord Stream 2 vorläufig auf Eis.
Dass dem einseitigen Bruch des Minsker Abkommens sowie der Drohung mit weiteren militärischen Schritten gegen die Ukraine massive Sanktionen des demokratischen Westens und ein zeitlich nicht absehbares Ende der Energiepartnerschaft mit Europa folgen würden, nahm die Führung im Kreml bewusst in Kauf. Zum Kalkül gehört vermutlich dass, wie Ex-Präsident Dimitri Medwedew, der heutige Vizepräsident des russischen Nationalen Sicherheitsrates mit Blick auf die westlichen Sanktionen gegen sein Land twitterte, die Sanktionen in Europa selbst massive negative Auswirkungen hätten: "Na dann willkommen in einer neuen Welt, in der die Europäer bald 2000 Euro für 1000 Kubikmeter Gas bezahlen müssen."
Tatsächlich sind angesichts der Befürchtung von Lieferausfällen durch die Zuspitzung des Konflikts mit der Energiegroßmacht Russland die Preise für fossile Rohstoffe wie Öl und Gas nach oben geschnellt und könnten noch weiter steigen.
Die Bundesrepublik Deutschland, die über die Hälfte ihres Gas- und rund ein Drittel ihres Ölbedarfs durch russische Importe deckt, ist im Zuge der Konfrontation mit Russland sowohl durch die bedrohliche Preisentwicklung als auch mit Blick auf die energiepolitische Versorgungssicherheit tangiert. Ein weiterer Anstieg der Energiepreise wird die ohnehin außergewöhnlich hohe Inflation von derzeit rund fünf Prozent weiter in die Höhe treiben. Dies ist mit Blick auf die von Ihnen angesprochenen Investitionskosten im Immobilienbereich insofern hoch problematisch, weil im Zuge der Belastungen der Wirtschaft durch Rohstoffknappheit und Lieferengpässe, ausgelöst durch die globale Corona-Pandemie, auch andere signifikante Stoffe wie Holz und Stahl laut Statistischem Bundesamt erheblich teurer wurden.
Eine weitere Variable, die im Kontext der Beantwortung ihrer Frage von Bedeutung ist, betrifft die Zinsentwicklung. Angesichts der Rekordinflation wird die Europäische Zentralbank EZB, die lange Zeit mit Blick auf die prekäre Situation einiger hoch verschuldeter Staaten der Eurozone eine strikte Nullzins-Politik praktiziert hat, Ihnen Kurs ändern müssen - wahrscheinlich noch im laufenden Jahr. Das wiederum bedeutet, dass Finanzierungen am Immobilienmarkt kostspieliger werden und dass möglicherweise der eine oder andere Darlehensnehmer seine langfristigen Finanzierungskalkulationen umstellen muss. Dass dabei auch manche Finanzierungspläne platzen werden und neue Bewegung in den Immobilienmarkt kommen könnte, liegt auf der Hand.
Generell sind Krisenzeiten Phasen, in denen risikoreiche Anlagen (z.B. Aktien) eher gescheut und konservative Anlagen (z.B. Immobilien, Gold) eher gesucht werden. In der Bewertung der gegenwärtig sehr volatilen Situation und nicht endgültig zu kalkulierenden Konfrontation des Westens mit Russland besitzen Ausschläge an Börsen und Märkten hohe Frequenz, die eine verbindliche Antwort auf Ihre wichtige Frage erheblich erschweren. Sicher ist allerdings, dass Immobilien nach wie vor sehr interessante und vergleichsweise risikoarme Anlagemöglichkeiten bieten. Wer gegenwärtig einen Immobilienverkauf erwägt, kann unterm Strich ebenfalls gute Renditen erzielen, insbesondere wenn er/sie erwägt, Erlöse aus dem Verkauf zeitnah für andere Anlagemöglichkeiten - etwa am Aktienmarkt - zu verwenden.

Viele Grüße
Reinhard Meier-Walser

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Bernwieser
Beiträge: 1
Mitglied
Beigetreten: Vor 3 Monaten

Inwiefern wird Deutschland vom Krieg betroffen sein?

 

Und wie ändert der heutige Kriegsschlag ihre Aussage vom 23.2.?

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Prof. Dr. Meier-Walser
Beiträge: 15
Mitglied
Beigetreten: Vor 4 Monaten

Sehr geehrte/r Frau/Herr Bernwieser,

zum Zeitpunkt meiner gestrigen Bewertung war lediglich die Intervention russischer Kampfeinheiten in den ostukrainischen Separatistengebieten bekannt, nicht aber, dass Russland einen offenen Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine, wie er seriösen Nachrichtenagentur-Meldungen zufolge heute morgen begonnen wurde, führen würde.
Vollkommen berechtigt ist deshalb Ihre Frage nach notwendigen Korrekturen meiner gestrigen Aussagen, zumal die Halbwertszeit der Gültigkeit von Lageanalysen in Krisen- oder gar Kriegszeiten äußerst kurz ist. Ungeachtet dessen gelten meine Aussagen hinsichtlich der Perspektive steigender Energiepreise und der daraus resultierenden Konsequenzen nach wie vor, wenngleich die neue Eskalation eine bevorstehende, noch dramatischere Entwicklung an den Börsen nahelegt. Was mit dem Krieg ferner endgültig unmöglich wurde, ist eine diplomatische Beilegung des Konfliktes, auf die politische Akteure in westlichen Staaten bis gestern vielleicht noch gehofft hatten.
Deutschland ist in mehrfacher Hinsicht von den Kriegsereignissen in der Ukraine betroffen: Generell als Mitglied der demokratischen Staatengemeinschaft, die nun zusehen muss, wie durch einen Angriffskrieg gegen einen souveränen Staat faktisch die gesamte europäische Friedensordnung attackiert wird. Die UNO ist blockiert, weil Russland als Ständiges Mitglied im Sicherheitsrat ein Veto-Recht gegen Maßnahmen der Weltgemeinschaft besitzt.
Zu denken ist ferner an die europäischen und deutschen Sanktionen gegen Russland, die zweifellos noch verschärft werden. Es ist auch damit zu rechnen, dass Russland seine Energielieferungen an die Bundesrepublik erheblich reduziert oder völlig einstellt. Das trifft Deutschland hart, zumal wir über die Hälfte des Gas- und rund ein Drittel des Ölbedarfs aus Russland importieren. Energiepolitische Versorgungssicherheit beruht in der Regel auf einer breiten Streuung im Energieträgermix und auf einer ebenso breiten Diversifizierung der Bezugsquellen. Der Energieträgermix ist durch den Ausstieg aus Atomkraft und Kohle eingeschränkt, wodurch gerade die fossilen Energieträger Gas und Öl überproportionale Relevanz besitzen, solange die Grundversorgung durch regenerative Energien nicht gesichert werden kann. Die Diversifikation der Bezugsquellen ist in der Bundesrepublik durch deren bereits erwähnte Abhängigkeit von Russland gefährdet, zumal sich auch die Vorräte an Nordsee-Gas bereits neigen und potenzielle Ersatzlieferanten für Öl und Gas (Iran, Katar, Saudi-Arabien u.a.) unter Gesichtspunkten demokratischer Handelspartnerschaft ebenfalls problematisch sind. Nun rächt sich auch, dass Deutschland bislang kein Flüssiggasterminal besitzt, sondern die Versorgung über andere europäische Häfen sicherstellen müsste.
Außerdem ist damit zu rechnen, dass viele Menschen aus dem Kriegsgebiet in Richtung Westen fliehen werden. Die Nachbarstaaten der Ukraine werden mit der Linderung der humanitären Katastrophe allein nicht zurecht kommen, weshalb auch die westeuropäischen Länder gefordert sind. Ich bin sicher, dass sich die Bundesregierung der diesbezüglichen Verantwortung eines demokratischen Rechtsstaates bewusst ist. So viel ich weiß, laufen bereits Gespräche zwischen Bund, Ländern und Kommunen, um entsprechende Maßnahmen zur Hilfe und zum Schutz von Flüchtenden aus dem Kriegsgebiet vorzubereiten.

Viele Grüße
Reinhard Meier-Walser

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