Strategieexperte Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser beantwortet Ihre Fragen zu Immobilien, Wirtschaft und Politik.

Reinhard C. Meier-Walser (* 7. Mai 1957 in Steyr) ist ein deutscher Politikwissenschaftler.

Reinhard Meier-Walser ist gebürtiger Österreicher. Er wuchs in München auf, absolvierte.. weiterlesen

Zinsentwicklung und...
 
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Zinsentwicklung und Immobilienpreise


PetraSchuster
Beiträge: 1
Themenstarter
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Beigetreten: Vor 3 Monaten

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Meier Walser,

 

zunächst vielen Dank, dass Sie in diesem Forum sind. Wie schätzen Sie die EZB-Zinspolitik in den nächsten 12 Monaten ein

und welchen Einfluss könnte dabei der Ukrainekonflikt haben?

 

Viele Grüsse 

Petra S.

3 Antworten
Prof. Dr. Meier-Walser
Beiträge: 15
Mitglied
Beigetreten: Vor 4 Monaten

Sehr geehrte Frau Schuster,

vielen Dank für Ihre wichtige Frage, die wegen des dramatischen Preisanstiegs gegenwärtig breiten Teilen der Bevölkerung große Sorge bereitet.
Der von Ihnen zu Recht angesprochene Ukraine-Konflikt bzw. dessen aktuelle krisenhafte Zuspitzung hat zu einem weiteren Anstieg der ohnehin bereits hohen Energiepreise, insbesondere fossiler Energieträger, in Europa geführt. Deutschland, das rund 55 Prozent seines Erdgasbedarfes durch russische Importe deckt, ist von diesem Anstieg in besonderem Maße betroffen.
Das Anziehen der Preise von Öl und Gas, das einhergeht mit einer Verteuerung der Stromkosten, ist wiederum maßgeblicher Faktor für die hohe Inflation, die in Deutschland laut Statistischem Bundesamt im Januar 2022 bei 4,9 Prozent lag (gemessen im Vergleich zum Januar 2021). Diese massive Geldentwertung, die höchste Inflationsrate in Deutschland seit rund 30 Jahren, stellt insbesondere deshalb ein gewaltiges Problem dar, weil gleichzeitig die Zinsen auf Vermögen bei null oder sogar darunter ("Negativ-Zinsen") liegen.
Die Europäische Zentralbank EZB hat bislang an ihrer Nullzins-Politik festgehalten, weil sie im Falle des Drehens an der Zinsschraube ein Kollabieren der Finanzsysteme einiger hoch verschuldeter EU-Staaten insbesondere im Süden des Kontinentes befürchtet. Außerdem argumentiert die EZB, dass die gegenwärtigen Inflationstreiber nur temporär seien: Die Energiepreise würden im Laufe der Zeit wieder sinken und ein Ende der im Zuge der globalen Corona-Pandemie entstandenen und die Preise verschiedenster Waren in die Höhe treibenden Lieferengpässe sei ebenfalls absehbar. Noch scheint EZB-Präsidentin Christine Lagarde davon überzeugt zu sein, dass sich die Inflation spätestens im Jahr 2023 wieder in einem "normalen Maße", also bei rund zwei Prozent, einpendelt. Sollte allerdings der Ukraine-Konflikt nicht de-eskaliert werden können, sollte die Inflation weiterhin auf dem aktuell hohen Niveau bleiben oder sogar noch steigen, und sollte deshalb zunehmend Kapital von Europa in die USA wandern, deren Notenbank sogar mehrere Leitzinserhöhungen für das laufende Jahr angekündigt hat, dann wird eine substanzielle Zinswende für die EZB m.E. nahezu unumgänglich sein.

Viele Grüße
Reinhard Meier-Walser

Antwort
Schmitt
Beiträge: 1
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Beigetreten: Vor 3 Monaten

Sehr geehrter Hr. Prof. Meier-Walser,

ich würde mich über die Beantwortung folgender Frage freuen.

Welche finanziellen Konsequenzen ergeben sich bez. der von der Bundesregierung gesetzten Klimaziele zur geforderten energetischen Sanierung von Immobilien aller Art .

Freue mich schon auf Ihre geschätzte Antwort.

Hochachtungsvoll

Wolfgang Schmitt Dipl.Ing.

 

Antwort
Prof. Dr. Meier-Walser
Beiträge: 15
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Beigetreten: Vor 4 Monaten

Sehr geehrter Herr Dipl. Ing. Schmitt,

Sie adressieren eine sehr wichtige Frage, insbesondere für die Besitzer der über 15 Millionen Ein- und Zweifamilienhäuser in der Bundesrepublik Deutschland, die überwiegend ohne oder mit nur geringen modernen Wärmeschutzmaßnahmen errichtet wurden und von denen bislang nur ein Teil energetisch saniert bzw. modernisiert wurde.
Werfen wir zu den von Ihnen angesprochenen politischen Vorgaben zunächst einen Blick in den Koalitionsvertrag zwischen SPD Bündnis 90/Die Grünen und FDP ("Mehr Fortschritt wagen - Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit"). Die Bundesregierung hat in diesem Regierungsprogramm für die laufende Legislaturperiode in Kapitel IV, Abschnitt "Bauen und Wohnen" nicht nur das Ziel markiert, pro Jahr 400.000 neue Wohnungen zu bauen, sondern gleichzeitig dem Thema "Klimaschutz" im Gebäudebereich breiten Raum gewidmet. So soll u.a. ab 1. Januar 2025 jede neu eingebaute Heizung auf der Basis von 65 Prozent erneuerbarer Energien betrieben werden. Bereits ein Jahr zuvor sollen die Standards für "wesentliche Ausbauten, Umbauten und Erweiterungen" von Bestandsgebäuden im Gebäudeenergiegesetz so angepasst werden, dass die auszutauschenden Teile dem KfW-Effizienzhausstandard EH 70 entsprechen. Mit diesen Sanierungsvorgaben sowie einer Reihe von Maßnahmen im Rahmen des Forschungsprogramms "Zukunft Bau" und einer Teilnahme am EU-Paket "Fit for 55" gliedert die Bundesregierung den Sektor Bauen und Wohnen in ihr übergeordnetes Ziel des Klimaschutzes, konkret der Schaffung von Klimaneutralität bis spätestens 2045, ein.
Dass die mit der geforderten energetischen Umrüstung verbundenen Kosten insbesondere Besitzern von Wohnimmobilien Sorgen bereiten, hängt mit mehreren Faktoren zusammen: Zum einen hat die Bundesregierung die Förderung der energetischen Sanierung durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW im Januar 2022 gestoppt. Nach breiten Protesten können zwar seit dem 22. Februar wieder Anträge für die energetische Sanierung bestehender Gebäude gestellt werden, aber die Verunsicherung bezüglich der Kosten ist zumindest zum Teil nach wie vor vorhanden, zumal auch die Förderung von Neubau und Kauf von Effizienzhäusern weiterhin ausgesetzt ist.
Zum anderen werden Immobilienbesitzer, die durch die geradezu explodierenden Energiepreise ohnehin stark belastet sind, mit dem Problem steigender Zinsen konfrontiert, die im Zuge einer Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank infolge der hohen Inflation erwartet werden. Wenn man bedenkt, dass der klimafreundliche Umbau eines Eigenheims schnell mehrere Zehntausend Euro und mehr umfassen kann, kann die Verteuerung der Bau- oder Umbaudarlehen, wie sie gegenwärtig bereits spürbar sind, Pläne energetischer Immobiliensanierung erheblich durcheinanderbringen.
Dass, wie eine von der Bausparkasse BHW in Auftrag gegebene und von der Süddeutschen Zeitung (SZ) ausgewertete repräsentative Umfrage in der Bundesrepublik belegt, (auch deshalb) nur rund 40 Prozent der Immobilienbesitzer innerhalb der nächsten fünf Jahre eine energetische Sanierung planen, während mehr als die Hälfte ungeachtet des Energieverbrauches und der Schadstoffemissionen keine Modernisierung erwägen, könnte auch unter Gesichtspunkten der Wertsteigerung noch problematisch werden, zumal auch die EU im Zuge ihrer Klimaschutz-Ziele die Immobilien mit schlechten Verbrauchswerten aufs Korn nimmt und mit Konsequenzen droht. Das bedeutet, dass so die SZ vom 24.2.2022 korrekt, ziemlich sicher der "Wert einer unsanierten Immobilie deutlich sinken" und sie "schwieriger zu verkaufen und zu vermieten sein" dürfte.
Ob alle uns gegenwärtig vorliegenden diesbezüglichen politischen Pläne und Zielsetzungen der Bundesregierung und der EU konkrete Umsetzung finden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, zumal die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass selbst unverrückbar scheinende Positionen der politischen Parteien angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine Veränderung erfahren. Fest stehen dürfte allerdings, dass die Rohstoff- und Energiepreise weiter steigen, die Inflation zusätzlich in die Höhe getrieben und dadurch die Notwendigkeit einer Leitzinserhöhung drängender werden - alles Perspektiven, die Besitzern von Wohnimmobilien zusätzliche Probleme bereiten.

Viele Grüße
Reinhard Meier-Walser

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